In Memoriam Barbara Thornton
In Gedenken an Barbara Thornton († 8.11.1998, Köln)
Klangwerkstatt mit mittelalterlicher und freier Improvisation
Gesänge aus dem ORDO VIRTUTUM von Hildegard von Bingen
KOLUMBA, 8.11.2008
Ars Choralis Coeln, Ltg. Maria Jonas
Am 8. November 1998, während einer USA-Tournee des Frauenensembles von Sequentia mit dem Mysterienspiel „Ordo Virtutum“, verstarb nach schwerer Krankheit die Sängerin, Musikerin und Künstlerin Barbara Thornton in Köln. Sie starb im Alter von nur 48 Jahren im Jubiläumsjahr der Person, der sie den größten Teil ihrer Arbeit gewidmet hatte: der rheinischen Äbtissin Hildegard von Bingen, die 1998 ihren 900. Geburtstag feierte.
Barbara Thornton gründete 1977 zusammen mit Benjamin Bagby in Köln das Ensemble für mittelalterliche Musik „Sequentia“. Hier entstanden Programme eines vergessenen Repertoires, mit dem sie das Publikum in Staunen versetzte: Lieder der französischen Troubadours und Trouvères, deutscher Minnesang und Spruchdichtungen, Mittelenglische, Lateinische, geistliche und weltliche Lieder, Mysterienspiele und Liebesgedichte aus Kathedralen, Klosterbibliotheken oder Musikwissenschaftlichen Archiven. Sie sorgten auch für Begeisterung in der Neuen Musikszene, die sich die "neu-alten" Klänge einverleibte. Barbara Thornton trug maßgeblich zum neu belebten Interesse und Rezeption an den Werken der Hildegard von Bingen (12. Jahrhundert) bei. Die Einspielungen ihrer Musik mit dem Frauenensemble von Sequentia unter der Leitung von Barbara Thornton wurden ein unnachahmlicher Erfolg in der mittelalterlichen Musikszene.
Barbara Thornton erwartete immer nur das Beste von ihren Mitarbeitern. Ihre Liebe zum Detail, zu einer authentischen und musikalisch befriedigenden Realisierung des Repertoires war legendär. Sie verband bei der Rekonstruktion der musikalischen Tradition des mittelalterlichen Europas vokale Virtuosität mit musikwissenschaftlichen und philologischen Forschungen. Für ihre Studenten war sie nicht nur ein höchst kenntnisreiche Person, sondern auch die Urheberin einer echten Schule für mittelalterlichen Gesang.
Dass uns heute die Musik Hildegard von Bingens als ein wesentlicher Teil ihres Wirkens wieder präsent ist, ist vor allem der Arbeit von Barbara Thornton zu verdanken. Nach jahrelangen Studien der musikalischen Quellen und einer Auseinandersetzung mit Weltbild, Person und Leben der Hildegard von Bingen war Barbara Thornton eine der ersten Spezialistinnen für mittelalterliche Musik, die das Werk von Hildegard, darunter die "Symphoniae" und das "Ordo virtutum" auf einem hoch professionellen Niveau aufführte. Barbara Thorntons größter Wunsch, der Aufbau einer Frauenschola als ein fest an einem Ort miteinander arbeitendes Ensemble für liturgische frühmittelalterliche Musik blieb unerfüllt. Ich hatte das große Glück durch Barbara Thornton an die Aufführung mittelalterlicher Musik aus den Originalquellen und in Auseinandersetzung mit dem Geist der Zeit herangeführt zu werden. Meine Arbeit mit Ars Choralis Coeln steht in der Tradition ihrer Studien und Aufführungspraxis und wäre ohne ihr Wirken nicht denkbar. Auch wenn ich mir nicht anmaßen möchte, die Arbeit Barbara Thorntons fortführen zu können, so hoffe ich doch, einiges von ihrem Ansatz, ihrer Kraft und ihrer Kreativität weitergeben zu können. Dazu gehört nicht allein das Erlernen der mittelalterlichen Neumen-Schrift, in der Hildegards Musik festgehalten wurde, sondern auch ein Eindringen in deren geistige Welt, die so fern der unseren scheint.
