Interview mit Maria Jonas
Interview mit Anja Stahler für die Tageszeitung "Die Rheinpfalz" (Speyer) anläßlich des Konzerts „Die Rose van Jhericho“ mit Ars Choralis Coeln im Speyrer Dom am 7.9.2011
1. Frau Jonas, das Mittelalter beschäftigt Sie in den meisten Ihrer musikalischen Projekte. Was reizt Sie daran?
Ich habe in meiner abwechslungsvollen Musikerlaufbahn sehr unterschiedliche Musik gemacht: Blockflöte, Cello und Klavier gelernt, Oboe studiert, eine Musikschule in Venezuela geleitet. Es wurde mir erst relativ spät klar, daß ich eigentlich singen wollte. Der Sänger hat das Glück zwei Kunstformen in sich zu vereinen: die Musik und die Poesie. Die Musik ist nur der Träger der Worte, sie dient. Und das fasziniert mich – sonst hätte ich ja auch weiter Oboe spielen können. Und die für mich geeignetste Phase der Musikgeschichte dafür bietet das Mittelalter. Im Mittelalter ist der Sänger der Erzähler. Und dieser Zugang entspricht mir.
2. Das Liederbuch der Anna von Köln stammt aus der Zeit um das Jahr 1500 – wie haben Sie es entdeckt und was schätzen Sie daran?
Zum ersten mal habe ich Lieder aus diesem Liederbuch mit der Gruppe Sequentia gesungen, damals noch unter der Leitung von Barbara Thornton. Nach ihrem Tod ermunterte mich Benjamin Bagby (Leiter der Gruppe Sequentia), mich des Liederbuches anzunehmen, denn es sei erstens ein Frauenrepertoire und zweitens käme ich ja aus dem Rheinland – in der Tat kann ich Kölsch und das hilft bei der Aussprache dieser Lieder sehr. So besorgte ich mir in Berlin ein Faksimile des Originals und habe angefangen, die Melodien zu übertragen, die ein wichtiges Zeugnis der Entstehung und Entwicklung des "Deutschen Liedes" sind, das ja nicht mit Schubert vom Himmel gefallen ist. Da gibt es eine lange Vorgeschichte, die u.a. hier mit dem Liederbuch der Anna von Köln beginnt.
3. Die Lieder transportieren eine bestimmte Art von Volksfrömmigkeit, die sich im Spätmittelalter entwickelte. Können Sie dazu ein paar erläuternde Worte sagen? Was kann uns diese Art von Frömmigkeit heute sagen und geben?
Was uns heute diese Art der Frömmigkeit sagen und geben kann – ja, das muß natürlich jeder einzelne selber entscheiden und suchen. Auf alle Fälle spürt man, daß dieser Musik eine tiefe Emotionalität inne wohnt, d.h.: hier funktioniert das Glauben noch mehr durch das Herz als durch den Verstand. Das ist für uns heute eher altmodisch, aber wir sind ja auch nach der Aufklärung Geborene. Und doch erlebe ich den letzten Jahren eine dankbare Zuhörerschaft, die wieder etwas mit der Emotionalität des Glaubens anfangen kann oder auf der Suche danach ist. Und natürlich auf der Suche nach Spiritualität, die manch einer in seiner Kirche vergebens sucht. In dieser Musik des Mittelalters, die zu unserer Geschichte gehört, zu unseren Wurzeln, findet manch einer sie wieder. Durch die anfangende Verschriftlichung der Musik im Spätmittelalter ist die Musik selber aber auch ihre Emotionalität konserviert worden. Beides wird durch unsere Aufführungen zu neuem Leben erweckt. (So stelle ich mir das vor, wenn man sich mal einfrieren läßt und dann 500 Jahre später wieder aufwacht....)
3. Was bedeutet der Titel „Rose van Jhericho“ in diesem Zusammenhang?
Die Pflanze „Rose von Jericho“ stammt aus den Wüstengebieten Israels und Jordaniens. Sie ist eine mystische Pflanze, die niemals stirbt und wird schon in der Bibel erwähnt. Die Jungfrau Maria soll sie auf der Flucht von Nazareth nach Ägypten gesegnet und ihr ewiges Leben verliehen haben. Deshalb wird sie auch als die Rose der heiligen Maria bezeichnet. Vielleicht ist es auch nicht nur ein seltsamer Zufall, daß man sie in Ägypten "Kaff Maryam" (Handballen der Maria) nennt. Sie wurde zuerst von den Kreuzrittern und später von den Pilgern, die Wallfahrten in das Heilige Land unternahmen, nach Europa gebracht. In deutschen Bauernfamilien wurde sie gut verwahrt und von Geschlecht zu Geschlecht weitervererbt. Es hieß, daß in einem Haus, in dem die Rose von Jericho aufbewahrt wird, Glück und Segen herrschen sollen. Außerdem existiert ein alter Brauch, daß man sie zu Weihnachten und zu Ostern aufblühen läßt und den erstaunten Kindern vorführt. Die Rose von Jericho hat bis heute noch einen praktischen Nutzen. Man kann sie z.B. im feuchten Zustand als Rauchverzehrer und Luftverbesserer oder als Luftbefeuchter verwenden. Wo die Rose getrocknet aufbewahrt wird, hält sich kein Ungeziefer auf. Das ist z.B. sehr praktisch bei Kleidermotten Auch soll sie, unters Bett gelegt, in der Lage sein, Schlafstörungen zu beheben.
4. Die Stimmen des jungen Frauenchors „Ars Choralis Köln“ werden von Hackbrett, Fidel, Harfe, Drehleier und Flöte begleitet. Geht diese Instrumentierung auf das Liederbuch zurück oder war sie Ihre Idee?
Es gibt keine Vorgaben für Instrumente, die Lieder sind unbegleitet überliefert, einige wenige sind zweistimmig. So wurden im Mittelalter halt die Lieder aufgeschrieben: wir befinden uns noch nicht im Zeitalter des Komponisten und die Melodien gehörten allen – und die Art und Weise wie sie aufgeführt wurden, war unterschiedlich. Zeitgleich gibt es anderswo in Europa, teilweise sogar auch in Deutschland mehrstimmige Musik: die Gleichzeitigkeit des Ungleichen. D.h. die Einstimmigkeit wurde nicht von einem Tag auf den anderen von der Mehrstimmigkeit abgelöst. Aus dieser ganzen Bandbreite gleichzeitig nebeneinander existierender Klanglichkeiten zwischen Monodien, Bordunen, frühen Harmonien und kontrapunktischen Satztechniken haben wir unseren persönlichen Ensemblestil "gefunden" im wahrsten Sinne des Wortes: je nach Besetzung – zwischen gar keinem und vier Instrumenten – und akustischen Gegebenheiten: der Dom zu Speyer macht ganz andere Klänge möglich als ein Kapitelsaal eines Klosters. Wir benutzen in unserer Interpretation Instrumente der Zeit, wie wir sie auf Abbildungen und von Beschreibungen her kennen. Im Speyrer Konzert wird die Umsetzung der Stücke schon wieder etwas anders ausfallen als auf unserer CD: jede Aufführung fällt anders aus. Fast schon wie im Jazz – das könnte man noch ehesten damit vergleichen, wie wir an diese Musik heran gehen. Historisch-Aufführungspraktisch sind wir damit ganz nah am Puls des Mittelalters.
5. Die Heilige Ursula, Hildegard von Bingen... Sie beschäftigen sich musikalisch vielfach mit besonderen Frauenpersönlichkeiten und deren ganz eigenem Glaubensverständnis. Was möchten Sie dem Publikum und insbesondere den Frauen mit ihren musikalischen Frauenprojekten nahebringen?
Es hat immer schon starke, einflußreiche, kreative und außergewöhnliche Frauen gegeben – auch wenn uns die Geschichtsbücher, die ja von Männern geschrieben worden sind, davon wenig berichten.
6. Welche Art von Publikum möchten Sie mit „Rose van Jhericho“ ansprechen? Auch Menschen, die keine ausgewiesenen Kirchenmusik-Freunde sind?
Auf jeden Fall! Gerade das Repertoire des Liederbuchs der Anna von Köln und ähnlichen Liederhandschriften dieser Zeit ist ja im herkömmlichen Sinne keine Kirchenmusik. Es handelt sich hierbei vorwiegend um Volkslieder, denen fromme Texte unterlegt worden sind. Sie wurden auch nicht unbedingt in der Kirche gesungen (dort ging es ja zu der Zeit Lateinisch zu!) sondern beim gemeinsamen Stundengebet in den Beginenhöfen. Die Melodien haben fast durchweg Volksliedcharakter und klingen weltlich. Einige lateinische Lieder finden sich auch, wenige komplett in Latein. Die meisten wechseln sich mit der Volkssprache ab, wie z.B. "In dulci jubilo", das bis heute auf Latein und Deutsch gesungen wird.
7. Was verbinden Sie mit dem Veranstaltungsort, dem Speyerer Dom, als Klangraum?
Der Raum ist mein Instrument, nicht nur die Stimme. Ich freue mich schon darauf, die Krypta mit Ars Chorlais zu auszuloten und für diesen Raum die optimalen Lösungen zu finden. Kein Konzert klingt wie das andere aus vielen Gründen, die ich oben ja schon anführte. Ein Großteil trägt der Raum selber dazu bei: er zeigt uns, wenn wir sorgfältig lauschen, genau, was wir zu tun haben. Das macht jede Aufführung für uns zu einer Premiere. Hinzu kommt, daß so alte und ehrwürdige Gebäude wie der Speyrer Dom, eine starke Aura haben, mir eine Geschichte erzählen und wenn ich dann in solchen Räumlichkeiten singen darf, dann ist das ein ganz besonderer Glücksmoment: ich verschmelze mit den Mauern, mit der Kirche, mit der Zeit.
Maria Jonas, August 2011
