Jeremiaden

Die Klagelieder des Jeremias von John Tuder
(um 1500, England)

"Ich bin der Mann,
der das Leid gesehen hat."

Maria Jonas – Gesang
Lucia Mense, Blockflöten, Traversflöte
Bettina Strübel – Portativ

I. Jerusalem klagt und fleht um Hilfe
II. Klage über die Verwüstung Judas und Jerusalems
III. Klage und Trost eines Leidenden

Im Alten Testament lesen wir, was 587 v. Chr. geschah:
"Nebukadnezar, der König von Babel, kam mit seinem ganzen Heer nach Jerusalem, und sie belagerten es und machten Bollwerke ringsumher. Und die Stadt blieb belagert und der Hunger nahm überhand in der Stadt, und das Volk des Landes hatte nichts mehr zu essen. Da brach man aus der Stadt aus, doch die Kriegsleute Nebukadnezars lagen rings um die Stadt her und jagten dem König Jerusalems Zedekia nach und holten ihn im Jordantal ein. Da zerstreute sich sein ganzes Heer. Und sie nahmen den König gefangen und brachten ihn hinauf zum König von Babel; der sprach das Urteil über ihn. Allda ließ der König von Babel die Söhne Zedekias vor dessen Augen töten und tötete auch alle Oberen von Juda. Aber Zedekia ließ er die Augen ausstechen und ihn in Ketten legen bis er starb. Und sie verbrannten das Haus des HERRN und das Haus des Königs und alle Häuser von Jerusalem. Und das Heer riß alle Mauern Jerusalems ringsumher nieder. Aber das niedere Volk und was vom Volk noch übriggeblieben war, führten sie gefangen weg. So wurde Juda aus seinem Lande weggeführt."

In dieser Situation entstanden die "Klagelieder Jeremias". Sie bestehen aus insgesamt fünf Liedern. Die ersten drei wurden in die christliche Liturgie der Karwoche übernommen und seit dem Mittelalter immer wieder vertont. Sie gehören zu den alphabetischen Dichtungen, d.h. das erste Wort jedes Verses bzw. jeder Strophe beginnt mit dem entsprechenden Buchstaben des Alphabets (Aleph, Betha, Gymel, etc...). Diese Anfangsbuchstaben forderten die Komponisten aller Epochen immer wieder zu besonderen Gestaltungen heraus, so wie in den mittelalterlichen Bibeln die Initialen eines Kapitels immer besonders kunstvoll ausgeziert wurden.

Über Leben und Karriere des englischen Komponisten John Tuder ist kaum etwas bekannt. Die Lamentationen sind in einem Manuskript erhalten, das sich heute im Besitz des Magdalene Collge innerhalb der Sammlung von Samuel Pepys in Cambridge befindet. Diese Handschrift wurde wahrscheinlich von Mitgliedern der zur Canterbury Cathedral gehörenden Abtei in den Jahren um 1475 zusammengestellt. Es handelt sich um ein dünnes Handbuch, das nicht zu Aufführungszwecken verwendet wurde, sondern offenbar in die Privatsammlung eines interessierten Musikliebhabers gehörte. Möglicherweise war der Besitzer Robert Wydow, der von 1474 bis 1478 Priester einer der Kapellen der Canterbury Cathedral war und später als einer der ersten den Titel des Bachelor of Music der Universität Oxforf verliehen bekam.

Unsere Aufführung der Klagelieder entsteht immer wieder neu in Reaktion auf und für den jeweiligen Aufführungsort, der uns dazu einlädt, seinen Klang und Räumlichkeit zu erforschen und auszuloten – ein Experiment für die Zuhörer, wie für die Musiker. Traditionsgemäß sind die Lamentationen auch ein Spiel mit dem Licht: während der Lamentationen verlischen 9 Kerzen, so daß der Schluß in völliger Dunkelheit stattfindet, als Symbol der Verlassenheit




Maria Jonas – Sängerin und Trobairitz
siehe Biographie


Lucia Mense – Block- und Traversflöte
Die Block- und Traversflötistin Lucia Mense widmet sich nach ihrem Stdium an verschiedenen europäischen Hochschulen in verschiedenen Projekten sowohl dem traditionellen Repertoire des Mittelalters, der Renaissance und des Barock als auch der zeitgenössischen Musik. Sie konzertiert als Solistin und als Mitglied verschiedener Kammermusikensembles und Orchester (u.a. Canzoni Cölln, Ars Choralis Coeln, 10-jährige Mitgliedschaft bei Flautando Köln). Die Interpretation Neuer und neuester Werke sowie Uraufführungen zählen ebenso zu ihrem Tätigkeitsfeld wie die Improvisation. Unter dem Titel "Electronic Counterpoint" führt Lucia Mense Kompositionen für Blockflöte und live-Elektronik auf. Neben zahlreichen Radio-Produktionen ist sie an CD-Einspielungen bei Ars Musici, Mode Records/ New York, Touch Records/London und Los Angeles River Records beteiligt. Lucia Mense war u. a. zu Gast beim Alte-Musik-Festival Banchetto Musicale in Litauen, beim Festival Blokflute & Electronics im Ijsbreker/ Amsterdam, dem Schleswig-Holstein-Festival, den Alte Musiktagen in Herne und Stockstadt, den Arolser Barockfestspielen, dem Jazz-Festival in Moers, dem New Music Festival Waterford/Ireland, Villa Aurora/ Los Angeles, Musikprotokoll im Steirischen Herbst/ Graz.

Bettina Strübel – Portativ
Bettina Strübel studierte sie an der Kölner Musikhochschule Kirchenmusik. Während dieser Zeit sang sie in verschiedenen Kölner Chören, wie z.B. der Rheinischen Kantorei unter Hermann Max. Nach dem A-Examen folgten Aufbaustudiengänge im Fach Orgel in Köln (bei Peter Neumann) und in Hamburg (bei Prof. Wolfgang Zerer) und legte dort ihr Konzertexamen mit Auszeichnung ab.Sie besuchte zahlreiche Meisterkurse für Orgel und (Chor-)Dirigieren und gibt Konzerte im In- und Ausland. Sie ist als Kantorin tätig und neben der Aufführung oratorischer Chorwerke widmet sich sich auch mit ihrem Kammerchor der a-capella-Musik, unter anderem mit mehreren Uraufführungen. Ein weiterer Schwerpunkt ist die mittelalterliche Musik, der sie sich zunehmend vor allem als Organetto-Spielerin widmet (Ars Choralis Coeln).

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