Morgenland & Abendstern
Hinduistisches und christliches Stundengebet
mit Amelia Cuni, Maria Jonas & Ars Choralis Coeln
KOLUMBA, 1.11.2009, 12:00 – 16:00 Uhr
Die dritte Klangwerkstatt widmet sich der Gregorianik sowie außereuropäischer modaler Musik. Wir werden mit der Dhrupad-Sängerin Amelia Cuni arbeiten und indische Ragas erlernen.
Die Grundlage der europäischen Musik ist der „Gregorianische Choral“. Heute bezeichnet man Gregorianik als die „liturgischen Gesänge der katholischen Kirche”. Das ist jedoch verkürzt und unvollständig dargestellt. Tatsächlich ist die Gregorianik der Beginn der abendländischen Musikentwicklung überhaupt! Im gesamten Mittelalter lag die Förderung, Erforschung und Ausübung von Kunst und Wissenschaft in den Händen der Kirche. Höhere Bildung war nur über die Klöster möglich. Die Wurzeln unserer Kultur sind hier zu finden. Doch letztlich ist der “Gregorianische Choral” auch ein Produkt aller Kulturen der Alten Welt: Palästina, Griechenland, Syrien und Rom. Die Melodien wurzeln tief in deren musikalischen Kulturen. Sie wurden aufgenommen, verwandelt, weitergegeben. Über Byzanz gelangten sie dann ins Abendland, wo sie erneut angepasst wurden. Doch der “alte Ton”, die Wurzel mit den typischen Modulationen in der Stimme, ist für heutige Ohren unverkennbar orientalisch.
Dem Ordensgründer Benedikt von Nursia (6. Jh.) verdanken wir, dass die Ausübung des Gregorianischen Gesanges fest in den Tageslauf der Klöster aufgenommen wurde. Er schuf das „Stundengebet“, das bis heute in Klöstern täglich gebetet wird. Aus der jüdischen Tradition, drei Mal am Tag zu beten, entwickelte die frühe Kirche im Zuge ihrer Abspaltung vom Judentum die Vorstufe des heutigen Stundengebets. Sinn des Stundengebets ist es, das Gebet zu Gott rund um die Erde nicht abreißen zu lassen. Wir finden ähnliche Traditionen auch in außereuropäischen Kulturkreisen, wie im Buddhismus und Hinduismus. Hier setzen wir in unserer 3. Klangwerkstatt mit der Duphrad-Sängerin Amelia Cuni an.
Ashtayama kommt aus dem Sanskrit und heißt soviel wie „Acht Zeitzonen“. Gemeint ist die alte, in Ritualen der Hindu-Tempeln praktizierte indische Tradition, nach der der Tag in acht Einheiten von je drei Stunden eingeteilt wird. Jeder dieser Zeitzonen ist eine eigene Musik zugeteilt, die auf einem Raga basiert. Sie alle führen auf eine Reise durch die Stunden und Stimmungen eines Tages. Auch in Europa wurde im Mittelalter der Tag in acht Phasen eingeteilt, denen eigene liturgische Gesänge zugeordnet wurden.
Die indische Technik des Dhrupad-Gesangs gilt bis heute als Inbegriff des klassischen indischen Gesangs und hat fast alle späteren indischen Musik-Stile und Formen hervorgebracht oder beeinflusst. Als charakteristisch für den Dhrupad gilt sein streng systematischer, lang gezogener Verlauf, der sparsame Gebrauch von Verzierungen, vertrackte rhythmische Wendungen und eine kontemplative Vortragsweise. Der Name Dhrupad ist aus den Worten Dhruva und Pada gebildet und bedeutet ‚fester Vers’. Text, Melodie und Rhythmus stehen in einem festen Verhältnis zueinander.
Beide Rituale wurzeln in einer Tradition der Meditation und Versenkung. Doch trotz ihrer geistigen und auch musikalischen Verwandtschaft haben die beiden Kulturkreise ganz unterschiedliche musikalische Formen und Gesänge hervorgebracht.
Die Werkstatt mit Amelia Cuni, Maria Jonas & Ars Choralis CoelnIm Dhrupad existieren eine Reihe grundlegender Techniken und Übungen zur Stimmbildung – sie ermöglichen die ästhetische Erfahrung einer Tradition, die der westlichen Musikwelt viel zu bieten hat. Selbst aus dem europäischen Kulturkreis stammend, weiß Amelia Cuni um die Schwierigkeiten, mit denen man sich selbst während des Erlernens einer fremdartigen Musikkultur konfrontiert sieht. Sie bietet sowohl die Erfahrung einer unmittelbaren Verbindung von Musik, Körper und Geist als auch sehr praktische und effektive Techniken zur Entwicklung der eigenen musikalischen Fähigkeiten.
Ziel der 3. Klangwerkstatt ist es, diese heute noch lebendige indische Tradition des Singens mit europäischer modaler Musik zu verbinden.
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AMELIA CUNI – Sängerin, Komponistin und Tänzerin. Eine langjährige Stimm- und Gesangsausbildung in der nordindischen DHRUPAD-Tradition ist Grundlage ihres musikalischen Schaffens. Als engagierte Lehrerin gibt Amelia Cuni das Wissen weiter, das sie bei berühmten indischen Meistern erworben hat. Sie unterrichtet indischen Gesang am Konservatorium von Vicenza, Italien, und lebt in Berlin.
Sie arbeitet mit Künstlern unterschiedlichster Richtungen zusammen (Frühe und Neue Musik, Electronica, Ambient, Experimentell, Jazz, Folk, Tanz und Theater.) Mit ihren eigenen Produktionen war sie auf internationalen Festivals in Gross-Britannien, Deutschland, Frankreich, Spanien, Italien, der Schweiz, Holland, Indien, China, Brasilien, den USA und Kanada zu Gast. Zusammen mit Werner Durand war sie Artist in Residence 1999 am Podewil- Zentrum für aktuelle Kunst in Berlin. Beide waren Teilnehmer des Kulturaustauschs Programms Festival of Vision 2000 Berlin in Hongkong und Berlin – London 2001.
Sie hat die Multimedia Oper ASHTAYAMA- Song of Hours kreiert und weltweit aufgeführt. Komponisten wie Terry Riley, Roland Pfrengle, Chico Mello, Fernando Grillo und Maria de Alvear haben eigens für ihre Stimme komponiert. Sie war auch an experimentellen Projekten von u.a. David Toop , Paul Schütze und David Moss beteiligt.
Im Rahmen des Festivals für Neue Musik MaerzMusik/Berliner Festspiele (Berlin, März 2006) präsentierte sie die Premiere des kompletten SOLO 58 aus den SONG BOOKS (1970) von John Cage, koproduziert und im Anschluss aufgeführt von den Festivals: Expozice nové hudby in Brno (Czek Rep.); Musicadhoy in Madrid; Autumn Festival in Budapest; Casa da Música, Porto; Voix Nouvelles – Fondation Royaumont; Handelsbeurs, Gent. Im Jahr 2007 war die Produktion in Oslo, Stavanger und auf der Biennale in Venedig zu sehen. Vorstellungen in Kalifornien (Berkley und Los Angeles) werden folgen.
http://www.ameliacuni.de
