RAGA VIRGO
Indische Raga & Hildegard von Bingen
ARS CHORALIS COELN
Stefanie Brijoux, Maria Jonas, Noemi La Terra, Lara Langguth, Uta Kirsten, Petra Koerdt, Pamela Petsch, Heike Pichler, Cora Schmeiser und Susanne Ansorg (Glocken, Fidel)
AMELIA CUNI
Dhrupad-Gesang, Tampura
http://ameliacuni.de
POUL HØXBRO
Flöten, Perkussion
www.poulhoxbro.dk
Gesamtleitung: Maria Jonas
Ashtayama & Marienvesper: Indische Dhrupad-Gesänge treffen auf die Lieder der Hildegard von Bingen
Amelia Cuni habe ich durch die Kölner Komponistin Maria de Alvear vor mehr als fünf Jahren kennengelernt. Amelia ist die einzige Dhrupad-Sängerin, der – obwohl nicht indischer Herkunft – große Anerkennung sowohl seitens der indischen Presse als auch der Hörerschaft zuteil wurde. Sie hat in den vergangenen Jahren Projekte sowohl traditioneller wie auch experimenteller Ausrichtung initiiert und kooperiert mit Künstlern von unterschiedlichen Backgrounds (Alte, Neue und Elektroakustische Musik, Ambient, Multimedia etc.). Mit ihr und ihrem Duo-Partner, dem Musiker Werner Durand (diverse Blasinstrumente und Elektroakustische Musik) arbeite und konzertiere ich seit dieser Zeit gemeinsam. Unser Projekt erhielt den Titel "Raga Verde" in Anlehnung an die Musik der Hildegard von Bingen, für die die grünende Lebenskraft im Mittelpunkt ihres Liedschaffens steht.
Im nächsten Schritt lud ich Amelia Cuni 2009 zu meiner jährlich stattfindenden "Klangwerkstatt KOLUMBA" nach Köln ein, wo sie gemeinsam mit Ars Choralis Coeln arbeitete und den Grundstein für dieses Programm legte. Auch in diesem gemeinsamen Workshop lernten wir viel voneinander, erforschten und experimentierten die Unterschiede und Gemeinsamkeiten unserer Musik mit ihren Gesängen, die beide durch ein pythagoräisches Stimmsystem definiert werden, in dem sich die jeweiligen Modi mit ihren Melodie-Patterns entfalten.
Der dänische Flötist Poul Høxbro ergänzt unser Projekt mit weiteren ganz eigenen Akzenten. Auch er befaßt sich seit Jahren mit der Musik der Hildegard von Bingen instrumental mit Einhandflöten und Schlaginstrumenten. Mit seinem Instrumentarium hat er eine unverwechselbare Klangsprache geschaffen, die in unserem Projekt Ergänzug und Brücke zugleich wird.
So treffen in diesem einzigartigen Projekt "Rage Verde" europäische und indische Kulturen, Stile und Ausdrucksmöglichkeiten aufeinander. Sie begegnen sich – fließen ineinander. Ihnen allen ist gemeinsam, daß sie den spontanen, einmaligen und nicht wiederholbaren Moment suchen: Die Zeit fließt dahin und mit ihr unsere Musik. Der Mensch ist "symphonisch" gestimmt, sagt Hildegard von Bingen und meint damit, daß die gottgewollte Harmonie keine solistische Angelegenheit ist, sondern durch Zusammen-Klingen, dem gemeinsamem Klang entsteht: Nada Brahma.
Zum Programm:
Aus der jüdischen Tradition, drei Mal am Tag zu beten, entwickelte die frühe Kirche im Zuge ihrer Abspaltung vom Judentum Vorstufen des heutigen Stundengebets. Der Ordensgründer Benedikt von Nursia (6. Jh.) schuf das bis heute in Klöstern praktizierte „Stundengebet“, das im Mittelalter acht und heute vier bis fünfmal am Tag stattfindet. Sinn des Stundengebets ist es, das Gebet zu Gott rund um die Erde nicht abreißen zu lassen.
"Ashtayama" kommt aus dem Sanskrit und heißt soviel wie: Acht Zeitzonen. Gemeint ist damit die alte, in Ritualen der Hindu-Tempeln praktizierte indische Tradition, nach der der Tag in acht Einheiten von je drei Stunden eingeteilt wird. Jeder dieser Zeitzonen ist eine eigene Musik zugeteilt, die auf einem Raga basiert. Sie alle führen auf eine Reise durch die Stunden und Stimmungen eines Tages.
Die indische Technik des Dhrupad-Gesangs gilt bis heute als Inbegriff des klassischen indischen Gesangs und hat fast alle späteren indischen Musik-Stile und Formen hervorgebracht oder beeinflusst. Als charakteristisch für den Dhrupad gilt sein streng systematischer, lang gezogener Verlauf, der sparsame Gebrauch von Verzierungen, vertrackte rhythmische Wendungen und eine kontemplative Vortragsweise. Der Name Dhrupad ist aus den Worten Dhruva und Pada gebildet und bedeutet ‚fester Vers’. Text, Melodie und Rhythmus stehen in einem festen Verhältnis zueinander.
Die Grundlage der europäischen Musik ist der „Gregorianische Choral“. Heute bezeichnet man Gregorianik als die „liturgischen Gesänge der katholischen Kirche”. Das ist jedoch verkürzt und unvollständig dargestellt. Tatsächlich ist die Gregorianik der Beginn der abendländischen Musikentwicklung überhaupt! Im gesamten Mittelalter lag die Förderung, Erforschung und Ausübung von Kunst und Wissenschaft in den Händen der Kirche. Höhere Bildung war nur über die Klöster möglich. Die Wurzeln unserer Kultur sind hier zu finden. Doch letztlich ist der “Gregorianische Choral” auch ein Produkt aller Kulturen der Alten Welt: Palästina, Griechenland, Syrien und Rom. Die Melodien wurzeln tief in deren musikalischen Kulturen. Sie wurden aufgenommen, verwandelt, weitergegeben. Über Byzanz gelangten sie dann ins Abendland, wo sie erneut angepasst wurden. Doch der “alte Ton”, die Wurzel mit den typischen Modulationen in der Stimme, ist für heutige Ohren unverkennbar orientalisch.
Unser Programm "Raga Verde" beinhaltet Gesänge und Strukturen beider Welten. Beide Rituale wurzeln in einer Tradition der Meditation und Versenkung und zeigen bei aller Verschiedenheit der musikalischen Formen und Gesängen eine geistige und musikalischen Verwandtschaft. Während Ars Choralis Coeln eine Vesper "In Festis B. Mariae Virginis" (Marienvesper) mit gregorianischen Gesängen und Antiphonen und Responsorien der Hildegard von Bingen (1098-1179) feiert, nimmt uns Amelia Cuni mit ihren Gesängen hinein in den Tagesablauf eines hinduistischen Tempels.
RAGA VERDE
P R O G R A M M
INVITATORIUM
• O virtus sapientie / Hildegard von Bingen (1098-1179)
• Psalm: Venite exultemus / Gregorianik
MORGEN-RAGA
• Raga Asavari / Dhrupad
ANTIPHONAE DE SANCTA MARIA
• Cum erubuerint / Hildegard von Bingen
• Laudate pueri / Gregorianik
• O frondens virga / Hildegard von Bingen
• Lauda Jerusalem / Gregorianik
• O splendidissima gemma / Hildegard von Bingen
MITTAG-RAGA
• Raga Sarang / Dhrupad
RESPONSORIUM
• O vis eternitatis / Hildegard von Bingen
SEQUENTIA DE SANCTA MARIA
• O virga ac diadema / Hildegard von Bingen
ABEND-RAGA
• Kedar / Dhrupad
ANTIPHONA super MAGNIFICAT
• Hodie Maria Virgo / Kölner Antiphonar, 13. jh.
• Magnificat / Gregorianik
NACHT-RAGA/SYMPHONIA DE SANCTA MARIA
• O viridissima virga / Hildegard von Bingen
