Rezensionen

Aus Annas altem Liederbuch
Ars Choraiis ziehen mit ihrer wundervollen CD „Rose van Jhericho" durchs späte Mittelalter

„Sechzehn Frauen, die singen und musizieren. Drehleier, Hackbrett, Harfe, Fidel, Glocken und Blockflöten. Ein sehr altes Liederbuch. Eine Plattenfirma, die „Raumklang" heißt und für die technisch unverfälschte Klarheit und Reinheit der Aufnahme bürgt. Mehr braucht es nicht? Das ist viel, sehr viel. Wenn sich wie hier Kompetenz, Sorgfalt und Leidenschaft treffen, mit ungekünstelter Freude authentische Lieder gesungen werden, die von uralten Sehnsüchten, Träumen, Ängsten handeln, dann kann im Glücksfall so etwas außerordentlich Schönes entstehen wie die „Rose van Jhericho".

Raumklang ist in Schloß Goseck daheim, dort, wo sich der Südzipfel Sachsen-Anhalts zwischen Sachsen und Thüringen schmiegt. Das Label hat sich in den 14 Jahren seiner jungen Existenz zur ersten Adresse für Musik aus Mittelalter, Renaissance und Frühbarock gemausert. Kooperation mit kultursinnigen Rudnfunkleuten schafft und erweitert Spielräume. In diesem Falle war der WDR in Köln Partner, was
Sinn ergibt. Denn die Hauptquelle der Gesänge ist das aus der Zeit um 1500 überlieferte Liederbuch der Anna von Köln, die vielleicht Nonne war oder einer Gemeinschaft religiöser Laien aus der Gegend zwischen Rhein und Maas angehörte.

Die Sammlung enthält 82 lateinische und volkssprachliche Lieder unterschiedlicher, aber vorwiegend besinnlicher Art. Einige Melodien sind überliefert, andere müssen adaptiert werden. Da geht es um Bescheidenheit und Demut, um Jesu Schmerzen und Maria als Rose aus Jericho. Gängige Idiome waren Ripuarisch und Mittelniederländisch. Anja Kastner aus Rostock übersetzte diese Texte ins Deutsche, so dass sie sich allen in ihrer Poetik und Metaphorik erschließen. Aufgenommen wurden die zwanzig Stücke in der überlieferten Diktion im Kloster Walberberg bei Brühl. Federführend war für das gesamte Projekt Sängerin Maria Jonas, die das Frauenensemble der vor drei Jahren gegründeten Schola Ars Choralis Coeln leitet und hier viele Partien selbst singt.

Erforschung und Aufbereitung solcher alten Schriften sind verdienstvoll und tragen zählbare Früchte. Die tiefe Freude aber, die sich unweigerlich einstellt, wenn man den glockenhellen Gesängen lauscht, die hat kein Maß. So wie Raumklang-Meister Sebastian Pank zwar weiß, was er tut, wenn er an den Reglern sitzt, aber wohl keinem audiophilen Rezeptplan folgt. Das berührende Flair und die schwebende Aura sind nicht technischen Ursprungs, sondern erwachsen aus der Intuition aller Beteiligten – die hier kongenial eingefangen worden ist. Innigkeit kommt von innen. Kein Wunder, aber wundervoll.“

Quelle: Sächsische Zeitung Dresden vom 30. August 2007, Autor:
Jens-Uwe Sommerschuh

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